Die Leipziger Gruppe, die Uhrenmanufaktur Nomos Glashütte, Volkswagen, das Babelsberger Filmunternehmen Ufa – sie alle sind Teil einer Demokratie-Initiative, die sich gegen Hass und Fake News im Internet richtet.

Verschwörungsmythen und Fake News verbreiten sich nicht nur im Internet. Doch wie kann man sich Falschmeldungen, Hass und Hetze erwehren? Was tun, wenn die Grundwerte unserer demokratischen Gesellschaft nach und nach erodieren? Viele große deutsche Unternehmen – darunter die Leipziger Gruppe – haben sich entschieden, ihre Beschäftigten für die Gefahren im Netz zu sensibilisieren – mit Workshops am Arbeitsplatz.

Das Lichtfest Leipzig erinnert an die Friedliche Revolution im Herbst 1989.
Das Lichtfest Leipzig erinnert an die Friedliche Revolution im Herbst 1989.

Diese Workshops leitet Gilda Sahebi. Sie hat einen besonderen Blick auf Hatespeech. Als Ärztin, Politikwissenschaftlerin und Journalistin weiß sie, was Hass in der Gesellschaft anrichtet. Für das Projekt “Business Council for Democracy“ (#BC4D) – eine gemeinsame Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Robert-Bosch-Stiftung und der Londoner Denkfabrik Institute of Strategic Dialogue – hat Sahebi ein Weiterbildungsprogramm für Erwachsene entwickelt, das demokratiefeindliche Auswüchse im Internet offenbart und Gegenstrategien aufzeigt. Politische Bildung am Arbeitsplatz. Das Ganze findet einmal in der Woche in einem „Lunch-and-Learn“-Format über die Mittagszeit statt. Der Zeitaufwand des interaktiven Webinars ist überschaubar – kein Modul dauert länger als 60 Minuten.

Eine starke Demokratie braucht eine faire Debattenkultur

Sahebi macht klar: „Die Menschen, die hassen, sind in der Minderheit. Es gibt eine Studie vom Londoner Institute for Strategic Dialogue über Facebook, die herausfand, dass 50 Prozent der Likes für Hasskommentare von fünf Prozent der Profile kamen. 25 Prozent der Likes für Hasskommentare kamen von einem Prozent der Profile. Das heißt: Man hat es mit einer kleinen, sehr lauten Minderheit zu tun. Die allermeisten User lesen still mit und mischen sich nicht ein.“

Die Leipziger Gruppe will sich bewusst einmischen. „Die Leipziger Gruppe ist ein Bürgerunternehmen und dem Wohl der Stadt, ihrer Zivilgesellschaft und ihrer Errungenschaften verpflichtet. Von Leipzig ging 1989 ein Weckruf aus: Jetzt oder nie – Demokratie! Leipzig ist der Ort der Friedlichen Revolution. Hier haben jeden Montag tausende Menschen ein Zeichen gesetzt: Für Freiheit und Grundrechte. Gegen Manipulation und Wahlbetrug. Sie haben dabei viel riskiert. Wir alle stehen in der Verantwortung dieser Menschen und haben die Aufgabe, ihre Botschaft weiterzutragen“, sagt Michael M. Theis, Geschäftsführer der Leipziger Gruppe (Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH). Auch deshalb unterstützt die Leipziger Gruppe das Projekt #BC4D und setzt ein Achtungszeichen für eine sachliche, konstruktive, respektvolle Debattenkultur – online wie offline. „Feindseligkeit ist keine Meinung. Manipulierte Nachrichten und erfundene Geschichten sind kein Ersatz für objektive Informationen. Das Maß an Verrohung und Radikalisierung im Internet vertieft die Gräben in unserer Gesellschaft und verzerrt die Meinungsbildung – auch Wahlkämpfe. Eine starke Demokratie kann es nicht ohne eine faire Debattenkultur geben“, so Theis.

Das Netz bestätigt unser Bild von der Welt

Für eine faire Debattenkultur setzt sich auch Sahebi ein. Aus gutem Grund: „Das Netz verstärkt und verzerrt natürliche Mechanismen unserer Wahrnehmung und Kommunikation. Wir alle haben bewusst oder unbewusst Angst, allein zu sein auf der Welt. Und wir wollen unser Bild von der Welt bestätigt bekommen. In den Online-Gruppen erhalten wir die Illusion, von lauter Gleichgesinnten umgeben zu sein. Fast jeder hat schon mal von dem sogenannten Blaseneffekt gehört, durch den sich Meinungen schnell radikalisieren. In diesen Gruppen kommt man in Kontakt mit neuen Formen und Zielen für Hass, man bewundert lautstarke Mitglieder und imitiert diese. Und dann kann es ein sehr kleiner Schritt sein, selbst zu beleidigen oder zu drohen. Weil man das Gefühl hat, einen großen Teil der Gesellschaft hinter sich zu haben, agiert man selbstbewusst als Sprachrohr dieser Gruppe.“

Ein Leuchten geht von Leipzig aus – das Lichtfest 2021

Das Lichtfest Leipzig erinnert an die Friedliche Revolution im Herbst 1989.
Das Lichtfest Leipzig erinnert an die Friedliche Revolution im Herbst 1989.

Haltung ist mehr denn je gefragt – persönliche und politische. Von Menschen, die ihre Meinung offen vertreten haben, erzählt jedes Jahr das Lichtfest Leipzig. Es erinnert an die Friedliche Revolution im Herbst 1989 und an den Mut vieler Menschen, Nein zu sagen. Die Leipziger Innenstadt steht am 9. Oktober ganz im Zeichen des Aufbruchs zur Demokratie. In diesem Jahr lautet der Leitgedanke: „Das Licht breitet sich in der Stadt aus“.  An drei Schauplätzen – Augustusplatz, Burgplatz und Richard-Wagner-Platz – zeigen Künstlerteams aus Deutschland, Ungarn und Spanien ihre Perspektive auf den Herbst 1989.