Sie hat die Zügel fest in der Hand: Christine Herzfeld. Ihre Freizeit gehört ihrer Familie und ihren Pferden.
Sie hat die Zügel fest in der Hand: Christine Herzfeld. Ihre Freizeit gehört ihrer Familie und ihren Pferden.

Christine Herzfeld (37) hat sich schon immer für alles begeistert, was sich bewegt, fährt, rollt. Heute ist sie Leiterin der Betriebshofwerkstatt Paunsdorf und dort zusammen mit ihren 33 Mitarbeitern und einer Mitarbeiterin für 105 Straßenbahnen verantwortlich. Welche Hürden sie auf ihrem Weg dorthin, in einem bisher männlich dominierten Berufsfeld nehmen musste, davon erzählt sie hier.

Ihre Freude für das Handwerk begleitet Christine Herzfeld schon ihr ganzes Leben. Mit 13 Jahren baut sie im Stall, in dem ihr Pflegepony steht, einen Heuboden und Wände ein. Mit ihrem Freund verbringt sie mit 17 viel Zeit in dessen Werkstatt. Er schraubt am Manta, sie an ihrer S51, einem Moped von Simson. Hier wird ihr Berufswunsch geboren: Zweiradmechanikerin möchte Christine nach dem Abitur 2004 werden. Doch ihre zahlreichen Bewerbungen bleiben erfolglos. Eine Firma antwortet auf ihre Bewerbung mit den Worten: „Wir stellen in diesem Jahr nur männliche Bewerber ein.“ Heute sagt sie: „Das war das ernüchterndste Erlebnis meiner Laufbahn.“ Christine Herzfeld lässt sich dennoch nicht entmutigen. „Ich bin nicht der Typ, um hinzuwerfen. Ich habe schon immer gemacht, was mir Spaß macht. Aber: Mich irgendwo einklagen, wo ich nicht erwünscht bin, das wollte ich nicht.“ Also sucht sie weiter nach einer handwerklichen Ausbildung – und wird schließlich Druckerin in der Wertpapierdruckerei Leipzig, die sie auch nach der Ausbildung direkt übernimmt.

Weiterbildung gegen die Langeweile

Mit dem ersten festen Vertrag in der Tasche beginnt Christine Herzfeld, sich das Leben ganz nach ihren Vorstellungen zu gestalten: Sie kauft ein Grundstück mit reichlich Platz für Pferde, baut ein Haus, weil sie weiß, dass sie eines Tages eine Familie möchte – und bildet sich zum technischen Fachwirt* weiter, während sie in Vollzeit in drei Schichten in einer sogenannten rollenden Woche arbeitet – das heißt, die Maschinen laufen rund um die Uhr. Doch: „Irgendwann kennt man seine Maschine, da beginnt die Langeweile. Also habe ich zwei Mal pro Woche nachmittags für drei Stunden in der Schule gesessen, ein bis zwei Mal pro Monat dann den ganzen Samstag. Das ging los um acht Uhr, und ich musste immer etwas früher gehen, weil ich noch Schicht bis 22 Uhr hatte. Jede freie Minute habe ich am Haus weitergebaut.“

Das alles schafft sie mit der Hilfe ihrer Familie, der Kollegen, die Schichten tauschen, der Kommilitonen, die für sie mitschreiben – und ihres Mannes, den sie gerade kennengelernt hat. „Er hat damals den ein oder anderen Nervenzusammenbruch aufgefangen. Ich bin sehr froh, dass ich ihn habe!“

Zwei Jahre arbeitet Christine Herzfeld im Anschluss noch in ihrem alten Betrieb, der sie in eine Meisterposition befördert hat. Mit einer erneuten Weiterbildung, diesmal zum technischen Betriebswirt*, will sie sich einen Weg hinaus aus der Druckbranche sichern, für die sie keine große Zukunft sieht.

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Die Schwangerschaft ändert alles

Dann wird Christine Herzfeld schwanger – und alles wird anders. Denn: Mit Kind ist die Arbeit im Schichtdienst für sie nicht mehr so einfach möglich, und auf eine Teilzeit in der Meisterposition lässt sich ihr Arbeitgeber nicht ein. „Das wollten die damals auf keinen Fall, und da wusste ich: Ich muss mir etwas Neues suchen.“

Vier Wochen vor der Geburt ihres ersten Kindes hat Sie Ihre letzte Prüfung. Nachdem ihre Tochter auf der Welt ist, nutzt Christine Herzfeld die Elternzeit, um Ihre Abschlussarbeit und Bewerbungen zu schreiben – doch zunächst ohne Erfolg. Also geht sie zurück in den Schichtdienst. Zwei Wochen zieht sie durch, „den Druck habe ich sehr gespürt, jeden Tag.“ Dann kommt die Zusage von der IFTEC – „ganz klar: der schönste Moment in meinem Berufsleben!“

Als Werkstattleisterin managt Christine Herzfeld 100 Männer und eine Frau, Zuhause Kind und Kegel.
Als Werkstattleiterin managt Christine Herzfeld 33 Männer und eine Frau, Zuhause Kind und Kegel.

Die IFTEC zählt zur Leipziger Gruppe und ist für die Instandhaltung von Fahrwegen und Fahrzeugen im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) – vor allem der Leipziger Verkehrsbetriebe – zuständig. Dort ist Christine Herzfeld seit August 2020 Leiterin der Betriebshofwerkstatt Paunsdorf oder kurz gesagt: Werkstattleiterin. „Mein Job ist es, die Arbeitsbedingungen für alle hier zu verbessern.“ Das bedeutet, die Kollegin im Lager sowie ihre Kollegen in der Instandhaltung mit allem zu versorgen, was sie brauchen – Werkzeugen, Arbeitsschutzkleidung, kalibrierten Messmitteln, einer guten Dienst-, Personal- und Fortbildungsplanung und vielem mehr. „Mein Alltag besteht aus Planung und Organisation für mein Team – und natürlich aus den Gesprächen mit meiner Kollegin und den Kollegen. Mir ist es wichtig, dass alle haben, was sie brauchen.“ Für Christine Herzfeld bedeutet ihre neue Position auch: den Abschied vom Schichtdienst.

Das neue Team ist zunächst skeptisch

„Zu Beginn musste ich mich natürlich vor dem Team beweisen. Das lag vor allem daran, dass ich aus einer anderen Branche komme. Dass ich eine Frau bin, hat gerade bei dem ein oder anderen älteren Kollegen zusätzlich für Skepsis gesorgt und es hat gedauert, bis sie sich mir gegenüber geöffnet haben.“ Mit ihrer hohen Fachkenntnis und Begeisterung hat Christine Herzfeld auch diese Hürde genommen und Vertrauen gewonnen.

Die nächste Herausforderung: Die 37-Jährige plant 14 Monate Elternzeit. „Als ich davon erzählt habe, stand mein Chef kurz unter Schock.“ Denn: Eine so lange Elternzeit gab es auf der Betriebshofwerkstatt Paunsdorf bisher nicht. „Wir haben aber eine Vertretungsregelung gefunden, mit der wir alle gut leben können.“

Christine Herzfeld freut sich schon darauf, nach der Elternzeit zu ihrem Team und in ihren Job als Werkstattleiterin zurückzukehren. Respekt hat sie lediglich vor dem täglichen Start in den Tag mit zwei Kindern. „Ich hoffe, das dauert dann nicht doppelt so lange!“ Ihre Botschaft an alle Frauen, die sich in einer Männerdomäne beweisen wollen: „Lasst euch nicht aufhalten!“

* Die Bezeichnung der Abschlüsse von Christine Herzfeld orientieren sich an dem, was auf ihren Abschlussdokumenten steht. Dort wurde zum damaligen Zeitpunkt das generische Maskulinum, also ausschließlich die männliche Form verwendet.