Beschimpfung, Abwertung, Beleidigung, Demütigung, Bedrohung, Gewalt: Hass hat viele Formen und Gesichter. Sie alle sind hässlich. Und sie können für die Opfer schlimme Folgen haben. Die UN-Kampagne „Orange The World“ macht seit 1991 auf Gewalt aufmerksam: vom Internationalen Tag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen am 25. November bis zum 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte.

Gewalt gegen Frauen ist für die Leipziger Gruppe keine Privatsache. Gemeinsam mit der Leipziger Stadtverwaltung, der Agentur für Arbeit Leipzig, dem Jobcenter Leipzig, dem Umweltforschungszentrum (UFZ) und dem Kommunale Eigenbetrieb Leipzig/Engelsdorf organisiert der kommunale Unternehmensverbund in den Wochen vom 25. November bis 10. Dezember Workshops und Vorträge zur Sensibilisierung für und Strategien gegen Gewalt. Unter dem Motto „Verantwortung übernehmen“ haben mehr als 17.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der sechs Kooperationspartner die Möglichkeit, mehr über die Anzeichen sexualisierter Gewalt zu erfahren, nonverbale Grenzüberschreitungen zu identifizieren, zu lernen, wie man sich aus Gefahrensituationen bringt, sich emotionaler Gewalt erwehrt, Strategien gegen Anfeindungen entwickelt oder Zivilcourage trainiert. „Dieses Programm ist einzigartig und zeigt: Wir verpflichten uns zu Werten wie Wertschätzung und Respekt. Wir wollen ein Zeichen gegen Gewalt, Ausgrenzung und Machtmissbrauch setzen und so für mehr Rechte für Frauen eintreten“, sagt Doreen Rödel, Chancengleichheitsbeauftragte der Leipziger Gruppe.

Nicht nur nach innen – auch nach außen setzt die Leipziger Gruppe am 25. November ein Zeichen gegen Gewalt und beleuchtet von 17 bis 24 Uhr die Fassade des Gas- und Dampfturbinenkraftwerks der Leipziger Stadtwerke in der Eutritzscher Straße in Orange. In der Farbsymbolik steht Orange für Mut und Kraft. Die Farbe Orange steht symbolisch aber auch für Gewaltfreiheit. „Wir alle tragen Verantwortung für das gerechte Zusammenleben von Menschen aller Geschlechter. Solidarität ist keine Frage des Mitleids, sondern eine Frage der Verantwortung und des Teilens. Die Leipziger Gruppe teilt die Idee von Chancengleichheit, Teilhabe, Inklusion und Gewaltfreiheit. Mit dem Verständnis für diese Werte arbeiten wir zusammen und wollen unseren Beitrag leisten, diese Werte zu stärken“, sagt Doreen Rödel.

Hass im Netz, Gewalt auf der Straße: Interview mit Gilda Sahebi

Gilda Sahebi. Foto: Hannes Leitlein
Gilda Sahebi. Foto: Hannes Leitlein

Welche Folgen digitale Angriffe haben, was Hass im Netz anrichtet, welche Muster sowie Strategien es dagegen gibt und was Betroffene tun können, wenn sie im Netz angefeindet werden – dies und vieles mehr thematisiert Gilda Sahebi am 5. Dezember im Rahmen der Initiative „Verantwortung übernehmen“. Die deutsch-iranische Journalistin hat einen besonderen Blick auf Hassrede. Als Ärztin, Politikwissenschaftlerin und Referentin des Demokratie-Netzwerks BC4D weiß sie, was der Hass im Körper und in der Gesellschaft anrichtet. Wir haben Gilda Sahebi anlässlich des Orange Day 2023 um ein kurzes Interview gebeten:

Frage: Wo fängt Hass an, und warum ist Hass im Netz so ernst zu nehmen?
Gilda Sahebi: Hass im Netz ist nichts anderes als Gewalt. Studien zeigen, dass emotionale und verbale Gewalt dieselben psychischen Folgen haben kann wie körperliche Gewalt. Strafrechtlich beginnt Hass da, wo bestimmte Delikte begangen werden wie Beleidigung, Bedrohung oder Volksverhetzung. Aber oft reicht es für eine strafrechtliche Verurteilung nicht aus – was nicht heißt, dass es nicht trotzdem Hass wäre. Es ist also nicht so leicht zu sagen, wo Hass beginnt. Ich würde sagen, Hass beginnt da, wo andere Menschen verletzt werden.

Gibt es Unterschiede gegenüber verschiedenen Bevölkerungs- oder Berufsgruppen?
Ja – doch dies hängt vom Zeitpunkt und Kontext ab. So waren während der Corona-Pandemie zum Beispiel Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mehr betroffen, aber das ist nicht allgemeingültig. Es trifft eher bestimmte Bevölkerungsgruppen: Migranten, Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte, People of Color, Juden, Angehörige der LGBTQ-Community – marginalisierte Gruppen, Gruppen mit einer eigenen sozialen und kulturellen Identität, sind stärker Zielscheibe von Hass und Anfeindungen.

Sind Frauen anders betroffen als Männer?
Ja. Frauen sind eine der am stärksten von sexualisierter Gewalt im Netz bedrohten Gruppen. Hassrede reicht von sexistischen Beleidigungen, über Desinformation, Vergewaltigungsfantasien bis hin zu virtuellem Exhibitionismus und sexueller Belästigung – beispielsweise in Form der berüchtigten Dickpics. Alles, was Frauen in ihrer Identität trifft, findet im Netz statt.

Warum funktioniert Menschenfeindlichkeit im Netz so gut und woran kann man sie erkennen?
Menschenfeindlichkeit verbreitet sich im Netz schnell und wird von vielen Menschen gesehen. Die, der Betroffene muss zudem nur ins Handy schauen oder den Computer anmachen und sieht den Hass und die Menschenfeindlichkeit, auch in eigentlich geschützten Bereichen wie im eigenen Zuhause. Die Schwelle, Menschen anzugreifen und zu verletzen, ist zudem niedriger, wenn man den anderen Menschen nicht sieht, weil man nur in eine Tastatur tippen muss. Um Menschenfeindlichkeit zu erkennen, muss man sich bilden – also sich darüber informieren, was Formen der Menschenfeindlichkeit wie Rassismus, Antisemitismus oder Queerfeindlichkeit eigentlich genau bedeuten. Manchmal reicht es aber auch, in sich hinein zu fühlen – auch intuitiv erkennt man oft, dass Menschen verletzt werden.

Welche Folgen haben Hass-Kommentare für Betroffene?
Das ist bei jeder Person anders. Grundsätzlich kann es schwerwiegende psychische Folgen wie Schlafstörungen, Angststörungen, Depressionen bis hin zum Suizid haben. Es ist wichtig, sich damit nicht allein auseinanderzusetzen, sondern mit Vertrauten oder therapeutisch darüber zu sprechen. Es ist wichtig zu wissen, dass man selbst nicht „Schuld“ hat, sondern dass die Person, die Hass verbreitet, die alleinige Verantwortung trägt. Umso wichtiger, sich Hilfe zu holen, wenn es nötig ist.

Wie kann man sich gegen persönliche Anfeindungen wehren?
Das ist sehr individuell. Und man kann es nicht kontrollieren, ob Leute einen angreifen oder nicht. Jeder, der offen seine Meinung – ohne Hass – im Internet kundtut, muss damit rechnen, dafür angegriffen zu werden. Am Beispiel vom Nahost-Konflikt zeigt sich gerade: Egal was man schreibt, man wird momentan immer dafür angegriffen. Wenn man merkt, dass dies einen trifft und verletzt, sollte man sich Hilfe holen. Man sollte auch nicht alles lesen. Hass ist keine Kritik, sondern Hass ist Hass. Ich muss mir das nicht antun. Und wenn ich Hass anzeigen möchte, die Kommentare aber nicht lesen möchte, kann ich eine vertraute Person bitten, Kommentare zu lesen, zu melden oder gar anzuzeigen.

Hier kann man Hate Speech melden:
HateAid
Hassmelden
Jugendschutz.net
Meldehelden
Polizei Sachsen
Online Strafanzeige Sachsen

Mehr zu Gilda Sahebi:

Gilda Sahebi ist im Iran geboren und in Deutschland aufgewachsen. Sie ist ausgebildete Ärztin, studierte Politikwissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Antisemitismus und Rassismus, Frauenrechte, Naher Osten und Wissenschaft. Das „Medium Magazin“ wählte sie 2022 zur Journalistin des Jahres in der Rubrik Politik. Ihr Buch „Unser Schwert heißt Liebe“ über die feministische Revolte im Iran erschien im März 2023 im Fischer Verlag. Gilda Sahebi lebt in Berlin.