Der Koloss von
60 Meter hoch und 32 Meter im Durchmesser: Der Koloss von Lößnig. Ende des Jahres bekommt er noch eine Fassade aus Aluminiumtrapezblechen und ockergelben Ringen.

Im Sommer soll das neue Heizkraftwerk Leipzig Süd angefahren werden. Die Basis dafür steht: der gigantische Wärmespeicher. Dieser Koloss von Lößnig hat es in sich: 1800 Megawattstunden Energie oder 43.000 Kubikmeter Wasser kann der 60 Meter hohe Zylinder-Turm in seinem Inneren speichern. Der Wärmespeicher des neuen Heizkraftwerks (HKW) Leipzig Süd prägt nicht nur die Kulisse der Bornaischen Straße, sondern auch den Stolz aller Kraftwerksingenieure. Das im HKW Leipzig Süd per Gas erhitzte Wasser soll helfen, Leipzig unabhängiger zu machen von dem per Kohle erhitztem Wasser aus dem Kraftwerk Lippendorf. „Das Kraftwerk kann“, sagt Projektleiter Thomas Brandenburg, „einen signifikanten Beitrag zur Flexibilisierung unserer Energieträger zugunsten von Wind und Sonne leisten.“

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Versorgungssicherheit steht im Mittelpunkt

Im Sommer soll das neue Kraftwerk der Leipziger Stadtwerke in Betrieb gehen. Technisch kann es Erdgas und Wasserstoff verbrennen. „Das wird das erste Gaskraftwerk Deutschlands, dass komplett mit Wasserstoff betrieben werden kann“, sagt Brandenburg. Wird für die Produktion von Wasserstoff aus Strom und Wasser Ökostrom verwendet, so ist der Brennstoff klimaneutral. Noch allerdings ist das Verfahren energieintensiv und teuer. Es lohnt sich unter anderem erst dann, wenn sehr viel Ökostrom vorhanden ist. Wann das sein wird, weiß niemand genau. Den Prognosen nach, sagt Brandenburg, könne es zwischen 2035 und 2040 so weit sein.

Blick in das Innere des Wärmespeichers.
Blick in das Innere des Wärmespeichers.

Das Erdgas, das künftig die emissionsarmen Turbinen im Heizkraftwerk Leipzig Süd antreiben soll, haben die Stadtwerke längst gekauft – an der Energiebörse, bei Großhändlern wie der VNG. Woher es dann kommt, darüber entscheiden die Stadtwerke nicht mit. Und auch nicht darüber, ob es kommt. Brandenburg sagt, die Stadtwerke hätten vorgesorgt: Prinzipiell sei Gas für die Inbetriebsetzung für den ersten Winter und dieses Kraftwerk eingekauft. „Wir gehen aktuell auch davon aus, dass geliefert wird und damit wird das Kraftwerk auch definitiv in Betrieb gehen. Ob es die ursprünglich avisierten Betriebsstunden läuft, das werden wir sehen.“ Das hänge wiederum von den Marktbedingungen ab, erklärt der Ingenieur.

Diese Marktbedingungen sind gerade alles andere als optimal. Niemand weiß, wie lange russisches Erdgas noch zur Verfügung steht. Trotzdem geht Brandenburg davon aus, dass sein Kraftwerk laufen kann. Denn es werde zehntausende Haushalte mit Strom und Fernwärme versorgen. In den Notfallplänen des Bundes habe so etwas Priorität. Die Anlage in Leipzig stehe mit auf der Liste der Anlagen, die erst ganz zum Schluss kein Gas mehr geliefert bekämen, betont Brandenburg. „Vorher würden aber die energieintensive Industrie und das energieintensive produzierende Gewerbe aus der Gasversorgung rausgenommen werden.“

Nutzung von Solarthermie auf 140.000 Quadratmetern

Der Wärmespeicher aus der Vogelperspektive.
Der Wärmespeicher aus der Vogelperspektive. Die Stahlplatten wurden aneinander geschweißt und von unten angesetzt – Meter für Meter.

Unabhängig davon bauen Leipzig und die Leipziger Stadtwerke vor: Auf dem Gelände des HKW Leipzig Süd soll eine Solarthermieanlage entstehen, die mit Sonnenkraft Warmwasser erzeugt. Zusätzlich soll in Lausen, am westlichen Stadtrand, die mit Abstand größte Solarthermieanlage Deutschlands entstehen: Auf einer Fläche von 140.000 Quadratmetern – umgerechnet fast 20 Fußballfelder – sollen zukünftig Sonnenkollektoren Wasser erhitzen. Darüber hinaus haben die Leipziger Stadtwerke zwei neue Blockheizkraftwerke in Möckern (Diderotstraße) und Lausen (Gerhardt-Ellrodt-Straße) gebaut. Ein drittes in folgt in Kürze. Für Ende der 2020er-Jahre ist zudem ein weiteres Biomassekraftwerk geplant. Insgesamt investiert Leipzig momentan mehr als 300 Millionen Euro in seine neuen Kraftwerke. Allein die Kosten für das HKW Leipzig Süd belaufen sich auf 180 Millionen Euro. Davon übernimmt der Bund rund zehn Millionen Euro für den Bau des Wärmespeichers. Ein großer Teil der Investitionen bleibt in Mitteldeutschland: Die Transformatoren kommen von Siemens-Energy aus Dresden und die Generatoren aus Erfurt. „Der Leipziger Weg – raus aus der Fernwärmeversorgung aus Braunkohle, rein in die Versorgung mit Gas, perspektivisch mit Wasserstoff – ist richtig. Zudem setzen wir nicht alles auf eine Karte und nutzen eine große technologische Bandbreite der Energieerzeugung“, sagt Karsten Rogall, Geschäftsführer der Leipziger Stadtwerke.